Unterwegs zu den Boutik Sante

6. April 2020

Gegen Ende eines ausgefüllten Tages auf unserer Projektreise durch den Norden Haitis werden wir mit einem freundlichen «Alo, kijan ou ye?» («Hallo, wie geht’s?» in Kreolisch) von einer strahlenden, grossen Haitianerin begrüsst. Die Sonne nähert sich schon dem Horizont und taucht das Häuschen von Menette und ihren Kindern in goldenes Licht. Hier am Rand einer satellitenartigen Siedlung, die durch irische Hilfsgelder 2008 nach dem Zyklon Hannah errichtet wurde, herrscht Ruhe im Vergleich zur tiefer liegenden Stadt Gonaïves in der Nähe. Der Wind pfeift über die Ebene, in der Ferne meckern einige Zicklein, als wir mit Menette vor dem Haus das Interview führen.

Menette ist eine Gesundheitsunternehmerin. Mit den Boutik Santes machen die Gesundheitsunternehmerinnen die so wichtigen Gesundheits- und Hygieneprodukte auch den Menschen in den entlegenen Regionen Haitis zugänglich. Zwei Drittel der Bevölkerung Haitis hat keinen oder kaum Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, Medikamenten oder Hygieneprodukten.

Begleitet werden wir von der Programmleiterin unseres langjährigen, lokalen Partners Fonkoze und der Krankenschwester, die für diese Region zuständig ist. Gespannt hören wir der Geschichte zu, wie Menette als alleinerziehende Mutter und Lehrerin nach dem Zyklon hier einen Neustart wagte und durch ihre herzliche und aufgeweckte Art schon bald zur Vorsitzenden ihrer Spar- und Kreditgrupe gewählt wurde. Durch die Mikrokredite konnte sie neben ihrer schlecht bezahlten Stelle als Lehrerin einen Gemischtwarenladen einrichten, den sie nun nebenbei betreibt. Im Jahr 2019 bekam Menette die Gelegenheit, ihr Sortiment mit Gesundheits- und Hygieneartikeln zu erweitern und ist daran, im Rahmen der Boutik Sante Trainings zusätzliches Wissen über Basisgesundheit zu gewinnen.

Vom Vorplatz aus schweift mein Blick zur offenen Haustür, vorbei an zwei neugierig beobachtenden Kindern in einen Vorraum von Menettes Häuschen. Dort sind Tische und ein Gestell mit diversen Produkten zu sehen – die Boutik Sante. Manche Gesundheitsunternehmerinnen – die immer auch schon Mikrokreditnehmerin und Kleinunternehmerin sind – haben einen Stand an der Strasse oder  auf einem Markt oder sind mobil von Tür zu Tür unterwegs (auch zu Schulen). Auch Menette hatte zu Beginn die neuen Produkte an einer Tür-zu-Tür-Aktion bekannt gemacht.

Mittlerweile ist sie eine respektierte und gefragte Person in dieser riesigen Siedlung. Menette steht erst am Anfang ihrer Ausbildung als Boutik Sante-Unternehmerin und freut sich, noch mehr zu lernen. Zum Beispiel darüber, wie man mangelernährte Kinder erkennt oder stillende Mütter berät. Als leidenschaftliche Lehrerin gibt sie ihr Wissen gerne und aktiv weiter.

Nach den interessanten Gesprächen und vielen Fotos bedanken wir uns und fahren weiter. Viele dieser Frauen, die selber nie zur Schule gehen durften, sind stolz darauf, nun so etwas wie eine gute Mama für ihr Quartier zu sein!

Tom Gerber, Geschäftsführer Opportunity Schweiz